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Atari-Emulator, oder: “Janus…? Was’n das?”

26. August 2010 IMHO
Atari Janus Logo und Revision

Janus 020

Zur Abwechslung gibt es heute mal einen Artikel der nicht unbedingt dem Themenbereich “Webmaster” zuzuordnen ist. Nach meinem Artikel über das Support-Ende von Windows 2000 erhielt ich drei Mail-Anfragen die sich für den Janus Atari-Emulator interessierten. Dabei hatte ich diesen doch nur in einem einzigen Satz erwähnt. Aber gut, gewiefte Atari-Fans scheinen auch die letzte kleine Info zu diesem mittlerweile historischen Heim-Computer im Netz zu finden. Und da ich mich selbst vor langer Zeit zu den Atarianern zählen durfte, ist dies Grund genug für mich die Feder für diesen offtopic-Beitrag zu schwingen. Der heutige Artikel dreht sich also um die Frage..: “Was zum Teufel ist ein Atari-Janus?”

Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat…

Atari 1040 STE Heimcomputer

Atari 1040 STE

Ja, es gab diese Zeit… eine Zeit als der PC quasi ein Exot war und in Sachen Grafik, Sound und Multimedia so gut wie nichts zu bieten hatte. Andere Computer hatten “das Sagen” im heimischen Wohnzimmer und nannten sich z.B. Amiga oder Atari. Computer waren bei weitem noch nicht so verbreitet wie heute und kaum einer hatte einen PC zu Hause stehen. Nein, wenn dann besaß man einen dieser kleinen, kompakten, leisen Alleskönner mit integrierter Tastatur, farbiger Grafik, Stereo-Sound, Maus,  Midi- und SCSI-Schnittstelle (und das serienmäßig) wie den Atari ST. Der PC konnte da mit seiner 4-Farb EGA-Grafik nur “abstinken” (vorausgesetzt man hatte EGA und nicht eine monochrome Herkules mit Bernstein-Monitor). Der Fenster-orientierte “Desktop” des Atari (GEM) wurde wie selbstverständlich mit der serienmäßigen Maus bedient (Atarianer hatten also damals schon einen schnellen Zeigefinger), während sich der durchschnittliche PC-Anwender mit dem DOS-Prompt auseinander setzen musste. Der Atari ST erfreute sich damals, insbesondere in Deutschland, großer Beliebtheit. Und es war schon beeindruckend was er alles konnte, eine ganze Szene von Demo-Programmierern hatte damals nichts anderes zu tun als das letzte aus den Grafik- und Sound-Fähigkeiten das Atari herauszukitzeln. Just zu dieser Zeit wurde ich dann auch stolzer Besitzer eines Atari 1040 STE.

Wer hätte das gedacht…

Naja, jeder weiß wie sich die Computerwelt seit dem weiter entwickelt hat. Es wäre also jetzt nicht sonderlich spannend im einzelnen zu schildern wie die Entwicklung der Firma Atari und damit die der Atari ST Familie weiter ging. Die Firma Atari ging im Laufe der folgenden 6 Jahre unter, der PC begann seinen Siegeszug, Microsoft entwickelte Windows von einer grafischen Erweiterung zu einem vollwertigen Betriebssystem weiter und in fast jedem Wohnzimmer steht heute ein PC während der Atari der Exot ist und sein Dasein (wenn überhaupt) in einer Kiste auf dem Dachboden fristen muss. Interessant ist allerdings das sich bis heute eine eingefleischte und aktive Fangemeinde rund um den Atari ST als Plattform und dem Betriebssystem TOS gehalten hat. Nach dem Untergang von Atari (aber auch schon davor) gab es immer wieder Projekte die sich mit der Entwicklung von Emulatoren oder sogar ganzen Atari ST- und TOS-kompatiblen Computer-Systemen beschäftigten. Ein Produkt aus diesem Bereich, und damit komm ich nun zum Kern des Artikels, war der Atari Janus.

Was zum Teufel ist denn nun der Atari Janus?

Atari Emulator Janus mit Motorola 68000 CPU

Janus mit M68000 CPU

Bei der Janus-Karte handelt es sich um einen Atari ST Hardware-Emulator. Wenn ich weiter oben vom “Atari Janus” rede meine ich also eigentlich den “Atari-Emulator Janus” der um 1994/95 herum von der Firma VHF-Computer entwickelt und hergestellt wurde. Eigentlich ist der Begriff “Emulator” sogar etwas zu kurz gegriffen. Die Janus-Karte ist genau genommen ein kleiner Atari. Alles was zum Kern eines Atari gehört ist auf der Karte vorhanden, eine Motorola 68000 CPU, eigener Arbeitsspeicher (RAM) und das TOS-Betriebssystem auf den entsprechenden ROM-Bausteinen. Das ganze ist auf einer ISA-Karte für den PC untergebracht (für die jüngeren unter euch: der ISA-Bus war der 16-Bit Vorgänger des 32-Bit PCI-Bus auf dem PC, welcher mittlerweile auch wieder von PCI-Express abgelöst wurde). Der ganze Emulator lässt sich also in den ISA-Bus eines PC stecken. Und da es schon lange her ist daß ich das gemacht habe, und ich diesen Artikel auch mit ein paar Fotos unterlegen möchte, habe ich meine guten Janus-Karten herausgekramt (ja, ich besitze zwei :-) ), meinen alten 133 MHz Pentium-1 PC mit ISA-Bus entstaubt und zusammengefügt was eigentlich nicht zusammen gehört (Janus in den PC). Und siehe da, beide Relikte aus dem letzten Jahrtausend liefen nach dem Einschalten auf Anhieb und ohne Fehler… Es geht eben doch nichts über Schaltkreise deren Pins man mit bloßem Auge noch zählen kann! ;-)

Atari Hardware-Emulator-Karte Janus Revision 1.01

Janus Emulator-Karte Rev. 1.01

Atari Hardware-Emulator-Karte Janus Revision 1.03

Janus Emulator-Karte Rev. 1.03

Der Atari auf dem PC!

Für viele Atarianer die zur damaligen Zeit einerseits auf den PC umsteigen wollten aber andererseits dem Atari und der vielen vertrauten Atari-Software (Calamus, Harlekin, Papyrus, Twelfe, Papilion …) nicht gänzlich den Rücken kehren wollten, war der Atari-Emulator Janus ein guter Weg. Ich persönlich war damals etwas radikaler. Als sich abzeichnete daß von der Firma Atari nichts mehr kommt und der PC so aufgeholt hatte daß er eine echte Alternative geworden war, machte ich einen harten Schnitt, verkaufte meinen Atari-TT und stieg auf den PC um.

Janus Karte ROM-Bausteine mit Atari Betriebssystem TOS v2.06

Atari TOS v2.06 ROM auf dem Janus-Board

Der aufmerksame Leser fragt jetzt natürlich… Atari-TT ??? Ja! Nach meinem Einstig in Form des Atari 1040STE folge ein Atari Mega-STE und dann der Atari-TT, das Flaggschiff in der Atari-Welt. Viele Sachen hatte ich damals schon auf dem Atari gemacht, Speisekarten für eine Lokalität mit Calamus, Bildbearbeitung, Treiber-Programmierung für einen Kamera-Scanner, eine Midi-Drum-Machine für mein damaliges Casio-Keyboard und sogar ein Spiel hatte ich damals programmiert. Das meiste selbstverständlich in Maschinensprache bevor ich dann doch auf Maxon-Pascal umstieg (aber auch nur um dort meine Assembler-Routinen in Pascal-Funktionen zu packen um sie dann komfortabel aufzurufen ;-) ). Hach ja, der Atari war mir schon ans Herz gewachsen. Die Motorola 68000 Assembler-Befehle kannte ich fast auswendig, genau wie alle TOS-Systemaufrufe. Aber es hilft ja alles nichts, wenn man merkt eine Ära geht zu Ende dann sollte man handeln, zumindest dann wenn man einiges an Geld in eine Sache gesteckt hat. Bei mir war das der Atari-TT.

Janus 020 Board Rev. 1.03 mit Motorola 68020 CPU

Janus 020 mit M68020 CPU

Der andere Weg war, den Atari mit Hilfe eines Emulators mit auf den PC zu nehmen. Und dank der Janus-Karte ging das damals ziemlich unkompliziert und erstaunlich kompatibel. Mit dem Janus Atari-Emulator konnte (kann) man zum einen den “Atari” direkt unter DOS starten oder sogar innerhalb von Windows. Quasi war(ist) der parallele Betrieb von Atari und PC möglich. Ein positiver Nebeneffekt war, daß man mit dem “Janus-Atari” auf dem PC Zugriff auf alle PC-Laufwerke hatte, was dem “PC-Atari” die Welt der AT-Festplatten, CD-ROM Laufwerke und Wechselplatten eröffnete. Eine Sache die am original-Atari nicht so ganz einfach war.

Janus 020 Karte mit TOS v2.06 auf dem PC

Janus-Karte bei der Arbeit

Nebenbei bemerkt, und weil ich es immer wieder mal höre: Beim nachbilden einer Computer-Plattform oder eines Betriebssystems spricht man nicht von “Simulation” sondern von “Emulation”. Der Begriff Atari-Simulator wäre also falsch in Bezug auf die Janus-Karte und alle anderen Emulatoren die “fremde” Computer nachbilden.

Und wie ging es weiter?

Naja, eigentlich ist damit die Geschichte des Janus Atari-Emulator fast zu Ende erzählt. Die Firma VHF-Computer brachte noch eine weitere Janus-Version auf den Markt, den Janus-020. Eine Weiterentwicklung der Janus-Karte (rev 1.01 auf 1.03) die einerseits einige kleine Fehler ausbügelte und andererseits den Atari Hardware-Emulator mit einem Motorola 68020 Prozessor ausstattete. Damit war das Janus-Board nun auch eine Alternative für das Atari Flaggschiff Atari-TT und übertraf diesen sogar noch was Performance und Leistung angeht. Ich selber habe mir nie eine Janus-Karte gekauft. Zum einen war ich schon ausgestiegen als der Janus auf den Markt kam und zum anderen wären mir 898,-DM sicherlich zu viel gewesen für einen “unechten” Atari. Erst ein paar Jahre später, Atari und Janus waren schon Geschichte und nicht mehr zu haben, bekam ich zwei Janus-Boards angeboten. “Hier, willste die haben, ich schmeiß die sonst weg…” Ein erstaunlicher Satz, immerhin lagen da ehemalige knapp 1800,- DM vor mir… Klar wollte ich die haben! Und schwupps war ich stolzer Besitzer eines Janus und eines Janus-020 Boards. Selbstverständlich musste ich am Wochenende danach die Karten erstmal testen. Das ganze Wochenende hab ich die alten Atari-Programme laufen lassen und in alten Quelltexten gestöbert bevor die Janus-Boards in meinem Schrank verschwanden und dort lagen bis… ja, genau bis heute, wo ich sie an diesem Tag für diesen Blog-Artikel wieder ans Licht der Welt geholt habe. :-)

PC-Laufwerke unter TOS eingebunden mit dem Janus-Board

PC-Laufwerke auf der Janus-Karte

Trotz fehlendem MIDI: Steinberg Twelve auf dem Janus-Atari

Steinberg Twelve auf der Janus-Karte

Tot gesagte leben länger…

Wer jetzt denkt die “Akte Atari” hat sich mittlerweile komplett erledigt der irrt! Es ist kaum zu glauben aber auch heute noch, im Jahre 2010, ist die Atari Fangemeinde vorhanden und aktiv. Und mehr noch, selbst neue Hardware wird immer noch entwickelt. Als Beispiel wäre da die Hydra zu nennen, eine Netzwerkkarte für Atari ST/TT und Falcon, welche es seit diesem Jahr gibt. Ein anderes Kapitel sind die Atari-Clones. Es gab seit dem Ende von Atari viele Projekte die sich mit der Entwicklung von Atari-Clones beschäftigt haben. Einige der bekanntesten sind der Eagle-030 (nur kurz am Markt), der Medusa T40 – ein Atari-Clone mit 68040 CPU, Hades 040/060 – scheint noch heute erhältlich zu sein, der Milan 040/060 oder ganz aktuell das Atari Coldfire Projekt. All diese Projekte hatten zum Ziel neue Atari-kompatible Hardware zu entwickeln und damit die Atari-TOS-GEM Plattform weiter zu führen. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle das schon erwähnte Atari-Coldfire Projekt, ist es doch hoch aktuell und gerade erst in Serie gegangen. Es ist also nach wie vor möglich einen “Atari” zu kaufen.

Atari und kein Ende…

Es ist schon interessant nach so langer Zeit mal wieder in der Atari-Welt zu stöbern. Wer sich für die Janus-Karte interessiert der muss wohl mit viel Geduld und Glück die bekannten Auktions-Plattformen verfolgen. Hat man ein Janus-Board ergattert findet man im Blog von Götz Hoffart die letzten und damit neuesten Treiber für die Janus Karte. Ein Blick in die Atari-Zeitschriften Archive lohnt ebenfalls, nicht nur wegen den dort archivierten fast vollständigen Jahrgängen der bekanntesten Atari-Zeitschriften, sondern eben auch weil sich dort interessante Artikel über das Janus 020 Board finden lassen. Wer früher selbst stolzer Besitzer eines Ataris war dem kann ich nur empfehlen bei Gelegenheit das Internet in Sachen Atari zu durchstöbern, es lohnt sich und ist hoch interessant. Die Geschichte der Firma Atari erkundet man am besten in der Wikipedia. Ein schöner Anlaufpunkt ist auch das Atari-Museum, hier findet man so ziemlich alle Atari-Computer, -Monitore, -Laufwerke, -Controller usw. die das Licht der Atari-Welt erblickt haben oder geplant waren, inklusive Beschreibung, technischer Daten und (fast immer) mit Bild. Und wer jetzt immer noch nicht genug hat, dem empfehle ich in die gut versteckte aber immer noch existierende Atari-Community abzutauchen, gute Anlaufpunkte wären hier z.B. AtariWorld oder das Atari-Home Forum.

Fazit:

Was kann man also lernen aus der bewegten Vergangenheit der Homecomputer? Richtig… nichts ist für immer! Wer weiß was in 10 oder 20 Jahren aus dem PC geworden ist… vielleicht tragen wir alle dann schon Quantencomputer-Chips unter der Haut die ihre Signale direkt in unsere Nervenbahnen einspeisen und schon lange nichts mehr mit der PC-Architektur zu tun haben (is ja klar, der ATX-Formfaktor passt ja nun partout nicht unter die Haut ;-) ). Jaa, so könnte es kommen. Und irgendwo da draußen sitzt dann ein Blogger und blickt in einem Artikel mit dem Titel “Personal-Computer, oder: PC…? Was’n das?” auf alte PC-Zeiten zurück. Déjà-vu!

  1. 20. September 2010, 19:55 | #1

    Wahnsinnig interessanter Artikel! Ich wusste gar nicht, dass der Atari so eine ausdauernde Fangemeinde hat. Ich stand ca. 1984 vor der Entscheidung mir einen ST oder einen C-64 zu besorgen. Anfangs tendierte ich zum ST weil ich schon eine 2600 Konsole hatte der Marke sehr verbungen war (ich war auch Mitglied in einem Atari-Club :-) ) und – ein sehr schönes ST Prospekt besass (damals war man ja um sich zu informieren noch darauf angewiesen, was die “Fachhändler” so an Prospekten anboten).
    Letztlich habe ich mich – ich weiss gar nicht mehr warum – für den C-64 entschieden und die nächsten 3 Jahre meines Lebens fast ununterbrochen gespielt.
    Ob mein Leben mit einem ST anders verlaufen wäre?

  2. Andreas Schwartz
    4. November 2010, 22:00 | #2

    Jo, zwei daumen hoch für den Artikel! Ahh ich vermisse meinen Atari St ,midi controller inklusive. Bin dann aber doch irgendwann ins feindliche Lager zum Amiga 500 gewechselt. Ich war jung und wollte spielen :P

  3. Volker
    7. Dezember 2010, 17:01 | #3

    Atari 1040 STE und Falcon030 … träum … Das waren meine …

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